35 Jahre Heidelberg-Rehovot – Entstehung und Verlauf einer Partnerschaft

 

 

35 Jahre Heidelberg-Rehovot – Entstehung und Verlauf einer Partnerschaft


(zuerst erschienen in Heidelberg – Jahrbuch zur Geschichte der Stadt, Jg. 23, Heidelberg 2018 / hier leicht ge­kürzt und überarbeitet)

 Autor Dietrich Dancker

„Dass Heidelberg und Rehovot zueinander fanden, verdanken wir den Wissenschaftlern, ins­besondere den Kernphysikern vom Max-Planck-Institut und deren Kollegen vom Weizmann-Institut in Rehovot“, resümierte der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg Rein­hold Zundel anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft im Jahr 2003.[1]

 

Zwischen dem Luxemburger Abkommen und der Aufnahme diplomatischer Beziehun­gen

 

In den ersten Jahren des Bestehens der Staaten Israel und Bundesrepublik war der Boden für Beziehungen brüchig. Zu frisch war noch die Erinnerung an Judenverfolgung und Holocaust. Erste Kontakte entstanden im Vorfeld des Luxemburger Abkommens zur so genannten „Wie­dergutmachung“, d.h. zur Regulierung von Vermögensschäden , die durch die antijüdischen Maßnahmen entstanden waren.

 

Nachdem das Abkommen 1953 schließlich ratifiziert war, sollten noch zwölf Jahre bis zum Abschluss diplomatischer Beziehungen vergehen.

Unter den schwierigen Bedingungen der Zwischenzeit oblag es vor allem den Wissenschaf­ten, die Beziehungen zwischen beiden Staaten zu pflegen. Der israelische Physiker Hanoch Gutfreund drückte es so aus: „[…] wissenschaftliche Institutionen und Wissenschaftler spiel­ten eine bedeutende Rolle bei der Abmilderung von Konflikten und dem Durchbrechen seit langem bestehender Tabus zwischen alten Feinden […]. Der Beitrag von Wissenschaft und wissenschaftlicher Zusammenarbeit zum Prozess der Normalisierung der deutsch-israelischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein einzigartiges Beispiel für ein solches Phä­nomen.“[2] Der Beitrag, den Gutfreund beschreibt, stand in engem Zusammenhang mit Rehovot und dem dortigen Weizmann-Institut sowie mit Heidelberg und dem hiesigen Max-Planck-Institut für Kernphysik.

 

Städtepartnerschaften im Rahmen der deutsch-israelischen Beziehungen

 

Die Bedeutung, die beide Seiten Städtepartnerschaften für die gegenseitigen Beziehungen beimaßen, zeigt sich daran, dass dieses Arbeitsfeld eines der ersten war, das nach der Auf­nahme der diplomatischen Beziehungen beider Länder im Jahr 1965 angegangen wurde. Der einstige Botschafter des Staates Israel in der Bundesrepublik Deutschland sollte im Jahr 1999 sagen, die Entwicklung auf diesem Gebiet stimme an der Schwelle zu einem neuen Jahrhun­dert zuversichtlich.[3]

 

Die Protagonisten der wissenschaftlichen Zusammenarbeit

 

Gutfreund nennt vier Protagonisten bei der Anbahnung der wissenschaftlichen Beziehungen und bei ihrer Institutionalisierung im Minerva-Programm, die allesamt Beziehungen zu Reho­vot, Heidelberg oder beiden Städten hatten. Es sind dies die Kernphysiker Amos deShalit vom Weizmann-Institut und Wolfgang Gentner, zunächst an der Universität Freiburg, ab 1958 am hiesigen Max-Planck-Institut für Kernphysik. Zudem war Gentner, für die Anbah­nung der Beziehungen bedeutend, stellvertretender Direktor der kernphysikalischen For­schungseinrichtung CERN in Genf. Weiterhin zu nennen sind der Präsident des Weizmann-Instituts und nachmalige israelische Außenminister Abba Eban sowie Josef Cohn, der ehe­malige Mitarbeiter des ersten israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann – Namensge­ber des Instituts –sowie Vizepräsident des Europäischen Komitees des Weizmann-Instituts. Cohn hatte eine zusätzliche Beziehung zu Heidelberg durch seine hiesige Studienzeit während der Weimarer Republik; er hatte u.a. bei Karl Jaspers und Alfred Weber studiert.[4] In der Schweiz konnte Cohn als Förderer für das Weizmann-Institut den Basler Nationalökonomen Edgar Salin gewinnen, der vor 1933 in Heidelberg gelehrt hatte.[5]  Erwähnenswert ist, dass Josef Cohn in seinen Bemühungen um die deutsch-israelischen Wissenschaftsbeziehungen mehrfach mit Konrad Adenauer zusammentraf. Schließlich sollte Cohn in den 1980er Jahren auch für die Städtepartnerschaft Heidelberg-Rehovot aktiv werden, als er sich darum küm­merte, die Teilnahme eines Heidelberger Abiturienten am International Summer Science In­stitute am Weizmann-Institut zu finanzieren.[6]

Die ersten Überlegungen für eine institutionalisierte wissenschaftliche Zusammenarbeit gin­gen auf deShalit und Gentner zurück, die durch die gemeinsame Tätigkeit bei CERN darüber ins Gespräch kamen. Gentner erinnerte sich später folgendermaßen: „Es war für mich eine Freude, als eines Tages, wohl 1957, Amos deShalit […] in mein Zimmer kam und mit mir sprach. Er meinte, dass es doch Möglichkeiten geben sollte, Kontakte zwischen dem Weiz­mann-Institut und deutschen Forschungsinstituten aufzubauen.[7]

Amos deShalit

Wolfgang Gentner

 

Die Delegationsreise von 1959

 

Den Durchbruch zur Institutionalisierung brachte schließlich im Jahre 1959 der Besuch einer Delegation der Max-Planck-Gesellschaft im Weizmann-Institut. Neben Gentner – damals bereits in Heidelberg – und Cohn, der als Begleiter mitreiste, gehörten zur Delegation der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft und Physik-Nobelpreisträger Otto Hahn, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Zellchemie Feodor Lynen, der Kunsthistoriker Hanno Hahn – Sohn Otto Hahns – und Alice Gentner, die Ehefrau von Wolfgang Gentner.

Die Reise hatte übrigens ein Nachspiel in der israelischen Innenpolitik. Im November 1964 berichtet die Frankfurter Rundschau über die deutsch-israelische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Kernphysik und ergänzte, dass Israel auch durch die Unterstützung deutscher Wis­senschaftler bald über eine Atombombe verfügen werde. In der folgenden Knesset-Debatte fielen die Namen der deutschen Kernphysiker Hans Jensen, Professor an der Universität Hei­delberg und eben Wolfgang Gentner, deren Besuch am Weizmann-Institut von der Regierung bestätigt wurde.[8] Inwieweit eine deutsche Beteiligung an der Entwicklung einer israelischen Atombombe vorlag und vielleicht gar eine Spur nach Heidelberg führte, muss offen bleiben. Interessant ist hier das hochrangige Interesse, auf das die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel und speziell Heidelberg und Rehovot stieß.

 

Von der Wissenschaft zur allgemeinen Öffentlichkeit

 

Die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Rehovot und Heidelberg für die deutsch-israe­lischen Wissenschaftsbeziehungen ist unbestritten. Die vorbereitenden Gespräche führten von Josef Cohn bis zu Bundeskanzler Adenauer. Hat diese Kooperation aber unmittelbar zur Auf­nahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel beigetragen, sind Rehovot und Heidelberg also quasi die Geburtsstädte jener Beziehun­gen? Das ist wohl zu verneinen. Zu mächtig waren die politischen Rah­menbedingungen: Da waren die Befürchtungen, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundes­republik Deutschland und dem Staat Israel könnte zu einer Anerkennung der DDR durch ara­bische Staaten führen, und es gab eine ablehnende Haltung eines Kreises von „Arabisten“ um den damaligen Bundesaußenminister Gerhard Schröder.[9] Erst die De-facto-Anerkennung der DDR durch Ägypten unter General Nasser ließ diese Argumente hin­fällig werden und ebnete den Weg für die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen.[10]

Dennoch bleibt die große Bedeutung festzuhalten, die Rehovot und Heidelberg bei der Pflege deutsch-israelischer Beziehungen zwischen 1952 und 1965 hatten. Dies könnte vermuten las­sen, beide Städte hätten zu den ersten gehört, die nach 1965 eine Partnerschaft eingegangen sind. Dies war aber nicht der Fall. Als die Partnerschaft 1983 geschlossen wurde, war sie die einunddreißigste deutsch-israelische Partnerschaft.[11] Zunächst blieben die Beziehungen auf das Feld der Wissenschaft beschränkt. Das sollte sich erst nach den 1970er Jahren ändern.

 

Die Städtepartnerschaft nimmt konkrete Formen an

 

Am 5. Mai 1978 fand im Europäischen Hof in Heidelberg ein Festbankett aus Anlass der Einweihung des Europäischen Molekularbiologischen Laboratoriums (EMBL) statt. Diese Gelegenheit nutzte Wolfgang Gentner, um gemeinsam mit dem Nobelpreisträger und EMBL-Generaldirektor Sir John Kendrew sowie dem Heidelberger Oberbürgermeister Reinhold Zundel die Realisierung von Plänen für eine Städtepartnerschaft voranzutreiben. Bereits 1973 hatte sich der damalige Präsident des Weizmann-Instituts Michael Sela gegenüber dem Hei­delberger Ersten Bürgermeister Karl Korz entsprechend geäußert.[12] Es bleibt als wesentlicher Befund festzuhalten, dass die ersten Impulse für die Städtepartnerschaft von Israel ausgingen. Dazu kam aber außerdem das Engagement Wolfgang Gentners, das Günter Heinemann wie folgt beschrieb: „[…] die Atomphysiker [verschließen] trotz ihrer engen Spezialisierung den Blick nicht vor übergeordneten und in anderen Bereichen weiterführenden Problemlösungen. So trat Gentner sehr früh und beständig für den Dialog und die Kooperation mit Israel ein.“[13]

Oberbürgermeister Zundel griff diese Anregungen auf, als er im Rahmen einer Israel-Reise im Mai 1982 auch Rehovot besuchte und dort mit seinem Amtskollegen Yeheskel Harmelech und dem Präsidenten des Weizmann-Instituts Michael Sela zusammentraf.[14] Der vorrangige Zweck dieser Reise wird aus den Quellen nicht zweifelsfrei deutlich. Während die Chronolo­gie des OB-Referats einfach von einer Israel-Reise des Oberbürgermeisters spricht, bei der er Rehovot besuchte, stellt die Berichterstattung des Tageblatts durch ihre Überschrift die Im­pulse in den Vordergrund, die Heidelberg für seine Wirtschafts- und Technologieförderung aus Rehovot erhalten habe. „Heidelberg will von Israel lernen“[15]; ein weiterer Artikel über den Besuch des Oberbürgermeisters in Rehovot zitiert Zundel eingangs mit folgenden Wor­ten: „Mir geht es um die Arbeitsplätze im Jahr 2000.“[16] Hintergrund war ein Besuch Zundels bei der Stiftung „Yeda“ (hebräisch: Wissen), die sich um den Wissenstransfer zwischen Weizmann-Institut und Wirtschaft kümmert und Vorbild für den Heidelberger Technologie­park werden sollte. Auf den grundsätzlicheren und umfassenderen Partnerschaftsgedanken stellt dagegen die Rhein-Neckar-Zeitung ab. Sie spricht von „ersten zaghaften Schritten zur Partnerschaft“ und weist zugleich darauf hin, die geführten Gespräche seien „selbstverständ­lich noch unverbindlich“. Betont wird jedoch auch hier der bestehende enge wissenschaftliche Kontakt zwischen Heidelberg und Rehovot. Als beteiligte Institutionen auf Heidelberger Seite werden neben der Universität die Max-Planck-Institute, das EMBL und das Deutsche Krebs­forschungs-Zentrum (DKFZ) genannt.[17] Am deutlichsten indes nennt die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung den Abschluss einer Städtepartnerschaft als Zweck der Reise und schreibt, Oberbürgermeister Zundel fahre nach Rehovot, um über eine Städtepartnerschaft zu verhan­deln.[18]

Mögen die Schritte auch zaghaft und die Gespräche unverbindlich gewesen sein, so stoßen sie in den Reihen des Heidelberger Gemeinderates doch zunächst auf Zurückhaltung. Die Vorsit­zenden der Gemeinderatsfraktionen äußerten sich in einem Pressegespräch mit der Rhein-Ne­ckar-Zeitung zu der Thematik. Zwar werden keine grundsätzlichen Bedenken gegen eine Partnerschaft mit einer israelischen Stadt erhoben; jedoch wird auf das Bestreben Heidelbergs verwiesen, die Zahl der Städtepartnerschaften in engem Rahmen zu halten. Denn es seien gerade Partnerschaftsanfragen von Heidelberg/Australien und (damals noch) Kumamoto in Japan abschlägig beschieden worden, da zwei Partnerstädte (Montpellier/Frankreich und Cambridge/Großbritannien) ausreichten. Außerdem wird die fehlende Einbeziehung des Ge­meinderats moniert.[19] Schließlich aber ermächtigte der Gemeinderat in seiner Sitzung vom 29. März 1983 mit ungeteilter Zustimmung Oberbürgermeister Zundel, in Rehovot eine Partner­schaftsurkunde zu unterzeichnen.[20]

Bevor dies jedoch im Rahmen des Besuchs einer offiziellen Heidelberger Delegation in Re­hovot geschah, besuchte Oberbürgermeister Yeheskel Harmelech als erster offizieller Reprä­sentant Rehovots vom 30. Januar bis 3. Februar 1983 Heidelberg.[21] In einer Ansprache bot er Heidelberg die Partnerschaft an und betonte, die Hand der Freundschaft sei ausgestreckt.[22] Dies kann als Indiz dafür gedeutet werden, dass die Initiative auf dem Weg zur Städtepartner­schaft wie 1973 von Rehovot ausging.

 

Der Abschluss der Partnerschaft

 

Vom 1. bis 6. Mai 1983 besuchte eine Delegation der Stadt Heidelberg Israel und Rehovot. Der Delegation gehörten neben OB Zundel der Rektor der Universität Prof. Adolf Laufs, der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Heidelberg Prof. Leo Rubinstein sowie neun Mitglieder des Gemeinderats und jeweils ein Vertreter des Süddeutschen Rundfunks und der Rhein-Neckar-Zeitung an. Die Stadtverwaltung war durch Direktor Günter Heinemann und Oberverwaltungsrat Dieter Bächstädt vertreten.[23] Die Unterzeichnung der Partnerschaftsur­kunde erfolgte in Rehovot am 5. Mai 1983. Als Aufgaben der Partnerschaft wird die Zusam­menarbeit auf den Gebieten Kultur, Sport, Jugend, Erziehung und Bildung, Fremdenverkehr sowie Wirtschaft genannt. Ausdrücklich soll die Partnerschaft der Urkunde zufolge über den regionalen Rahmen hinaus Wirkung entfalten und einen Beitrag zur deutsch-israelischen Ver­ständigung und zur gemeinsamen friedlichen Zusammenarbeit leisten.[24] In Heidelberg wurde die Partnerschaft in Anwesenheit einer israelischen Gemeinderatsdelegation bei einem Festakt im Heidelberger Rathaus am 8. November 1984 bekräftigt.[25]

 

Die Gründung des Freundeskreises Heidelberg-Rehovot e.V.

 

Bereits bei der Abschiedsveranstaltung für die israelische Delegation kam die Idee der Grün­dung eines Freundeskreises Heidelberg-Rehovot auf, der flankierend zu den Aktivitäten be­reits bestehender Institutionen tätig werden und damit die Partnerschaft für weitere Personen­kreise erschließen sollte.[26] Zu Beginn des Jahres 1985 nahm eine Gruppe um Konrad Müller, Personalleiter am EMBL, die Arbeit auf mit den Schwerpunktthemen Spendensammeln, in­haltliche Vorbereitung und Erarbeitung einer Satzung. Sehr pointiert brachte Müller zum Ausdruck, dass der Freundeskreis dem besonderen Charakter einer deutsch-israelischen Part­nerschaft Rechnung tragen solle: Ein „Juheidi-Kreis“, der sich mit Blasmusik befasse, könne das komplexe, problematische Verhältnis zwischen Deutschen und Juden nicht fassen.[27] Die Gründung des Freundeskreises erfolgte im Mai 1985; der Initiator Konrad Müller wurde zum Vorsitzenden gewählt. Bei der Gründungsversammlung wurde ein Grußwort von Prof. Ber­nard Czernobilsky, dem Vorsitzenden des Partnerfreundeskreises in Rehovot, verlesen.[28] Schwerpunktthemen der Arbeit des Freundeskreises bis heute sind die Betreuung erwachsener Begleiter von Jugendgruppen aus Rehovot sowie die Unterstützung zuständiger Stellen der Stadtverwaltung bei sonstigen Delegationsbesuchen, die Information der Bevölkerung über die Städtepartnerschaft und über Israel im Allgemeinen insbesondere durch einen jährlichen Stand auf dem „Heidelberger Herbst“ und die Organisation von Bürgerreisen. Anders als in der Frühphase spielt das Einwerben von Spenden keine Rolle mehr. Seinerzeit war etwa der Verkaufserlös von Zitrusfrüchten der Stadt Rehovot zur Eingliederung von Neueinwanderern aus Äthiopien überlassen worden, oder es wurden in der Heidelberger Ärzteschaft Medika­mente für das Rehovoter Kaplan-Krankenhaus gesammelt.[29]

 

Tragende Aktivitäten der Partnerschaft

 

Als eine der ältesten und nachhaltigsten Aktivitäten im Rahmen der Partnerschaft ist die Teil­nahme zunächst jährlich eines, später auch mehrerer Heidelberger Abiturientinnen und Abitu­rienten am International Summer Science Institute des Weizmann-Instituts. In diesem Pro­gramm werden in den Sommermonaten Schulabsolventinnen und -absolventen aus der ganzen Welt in die Forschungsarbeit des Instituts einbezogen; sie lernen aber zugleich durch ein Be­gleitprogramm Land und Leute in Israel kennen. Diesen Impuls aus Israel griff Heidelbergs Oberbürgermeisterin Beate Weber auf, als sie gemeinsam mit Forschungseinrichtungen in Heidelberg die ähnlich konzipierte International Summer Science School Heidelberg einrich­tete, an der auch regelmäßig junge Menschen aus Rehovot teilnehmen.

 

Natürlich gehören auch die Austauschprogramme und Partnerschaftsfestivals des Stadtju­gendrings zum Kernbestand der Partnerschaft. Das erste Partnerschaftsfestival des Stadtju­gendrings fand vom 26. März 1985 bis 5. April 1985 in Rehovot statt, zuletzt (Stand Juni 2018) besuchten 25 Gäste aus Rehovot im Rahmen des Austauschs des Stadtjugendrings Hei­delberg. Fest etabliert ist längst auch der Schüleraustausch zwischen dem Bunsen-Gymnasium Heidelberg (ursprünglich auch des Hölderlin-Gymnasiums Heidelberg) und der Katzir High School in Rehovot. Erstmals besuchte eine Gruppe von 30 Schülern und sechs Lehrern der beiden Heidelberger Schulen Rehovot. Zuletzt hielt sich eine Gruppe aus der Katzir High School vom 1. bis 10. Juli 2016 in Heidelberg auf; für den Juli 2018 ist ein weiterer Besuch geplant.

 

Seit der ersten Delegationsreise 1983 besuchten immer wieder, zuletzt vom 5. bis 9. März 2018 städtische Delegationen aus Heidelberg Rehovot; ebenso kam es zu entsprechenden Ge­genbesuchen. Bei der Delegationsreise im Januar 2012 konnte nach langer Zeit wieder die Theologische Fakultät der Universität Heidelberg in die Partnerschaft einbezogen werden: Der Alttestamentler Prof. Manfred Oeming war Mitglied der Delegation und stellte den Teil­nehmerinnen und Teilnehmern die Ergebnisse seiner Ausgrabungen in Ramat Rahel bei Jeru­salem vor Ort vor.[30] Im März 1983 hatte Prof. Heyer vom Institut für Kirchengeschichte im Rahmen einer wissenschaftlichen Exkursion nach Israel in Rehovot Grüße von Oberbürger­meister Zundel überbracht.

 

Zu erwähnen sind die Begegnungen von Forschungsadministratoren aus Heidelberg und Re­hovot oder die Besuche von Studierenden der in Rehovot befindlichen agrarwissenschaftli­chen Fakultät der Hebräischen Universität bei der Studierendenvertretung der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien. Ohnehin kann keine vollständige Aufzählung aller Partner­schaftsaktivitäten erfolgen: Allein die zahlreichen privaten Besuche engagierter Bürgerinnen und Bürger aus Heidelberg und Rehovot in der jeweiligen Partnerschaft festigen die Bezie­hungen zwischen beiden Städten.

 

Schatten (und ein wenig Licht) der Vergangenheit

 

Eingangs wurde die enge Verknüpfung der deutschen und deutsch-jüdischen Geschichte ei­nerseits und der politisch-militärischen Situation im Nahen Osten andererseits angesprochen. Abschließend soll untersucht werden, welche Rolle diese Themen in der Städtepartnerschaft Heidelberg-Rehovot gespielt haben.

Wie gezeigt, entsprang die Städtepartnerschaft Heidelberg-Rehovot einer wissenschaftlichen Kooperation. Eine derartige deutsch-israelische Zusammenarbeit wird sich, sofern sie ein historisches Bewusstsein entwickelt, an den Beitrag von Juden zur deutschen Wissenschaft vor 1933 erinnern. Hier ergibt sich wiederum eine Brücke zwischen Heidelberg und Rehovot: Auf dem Gelände des Weizmann-Instituts befindet sich ein Gedenkstein zur Erinnerung an die Verfolgungen zur Zeit des Nationalsozialismus. Auf diesem Gedenkstein findet sich auch der Name des berühmten Physiologen Otto Meyerhof, der in Heidelberg am damaligen Kaiser Wilhelm-Institut (heute Max-Planck-Institut) für Medizinische Forschung und der medizini­schen Fakultät der Universität tätig war.[31]

Darüber hinaus ergaben sich vielfache Berührungspunkte. Wohl eher zufällig fielen mehrere Besuche von Delegationen aus Rehovot auf bedeutende historische Gedenktage. In die Zeit des ersten Besuches von Rehovots Oberbürgermeister Yeheskel Harmelech fiel der fünfzigste Jahrestag der „Machtergreifung“, der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Aus diesem Anlass wohnte er einer Gedenkstunde im Großen Rathaussaal bei. Im Anschluss zeigte er sich beeindruckt vom großen Interesse der deutschen Jugend und meinte: „Der Holocaust hat uns als eine Lehre gedient, Brücken der Freundschaft zu schla­gen“[32]. Der Festakt zum Abschluss der Partnerschaft in Heidelberg am 4. November 1984 fand wenige Tage vor dem sechsundvierzigsten Jahrestag des Pogroms vom November 1938 statt. Auf diesen Zusammenhang wies der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Werner Nachmann, bei seiner Ansprache hin.

Bei seiner Israel-Reise im Mai 1982 traf Oberbürgermeister Zundel in Tel Aviv mit aus Hei­delberg geflohenen Jüdinnen und Juden zusammen, die nun in Israel leben. Dabei überreichte er eine Dokumentation, die der 1939 aus Heidelberg nach Brasilien entkommene Ludwig Basnizki herausgegeben hatte.[33] Ein weiteres Treffen fand im Mai 1983 statt, als eine Delega­tion des Gemeinderates Rehovot besuchte.[34] Damit wurde eine Tradition begründet, die bei späteren Delegationsreisen oder Partnerschaftsfestivals des Stadtjugendrings fortgesetzt wer­den sollte.

 

Die Vergangenheit und die aus ihr resultierenden Ängste wurden bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Partnerschaftsfestivals des Stadtjugendrings angesprochen, an dem auch Ju­gendliche aus Dresden und Bautzen teilnahmen. Das Festival fand im Juli 1990, also wenige Wochen vor der Vereinigung der beiden deutschen Staaten statt. Mit Blick auf diese Ent­wicklung meinte der zweite Bürgermeister Rehovots, Joseph Galizky, er habe Angst vor dem großen deutschen Reich, weil er es am eigenen Leib gefühlt habe, als er jung war.[35]

Fester Bestandteil des Programms Heidelberger Delegationen in Israel ist ein Besuch der Holocaust Gedenkstätte Yad vaShem, ebenso wie Delegationen aus Rehovot das ehemalige Konzentrationslager Natzwiler-Struthof im Elsass besuchen.

Ein Licht in düsterer Zeit ist das Wirken des evangelischen Pfarrers Hermann Maas in Hei­delberg, der zahlreichen verfolgten Jüdinnen und Juden beistand und ihnen zur Ausreise ver­half. Deshalb wird an ihn in Rehovot seit 1995 mit einem Straßennamen erinnert.[36]

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Hermann Maas Str.

 

Besonders eng waren Vergangenheit und aktuelle politische Situation (s.u.) während des Golfkrieges 1991 verflochten, als der Irak Israel mit Raketen angriff und Giftgasangriffe be­fürchtet wurden. Vor diesem Hintergrund lösten Berichte über die Beteiligung deutscher Un­ternehmen an irakischen Rüstungsprogrammen in Israel heftige Reaktionen aus. Zwar verab­schiedete der Heidelberger Gemeinderat eine Solidaritätserklärung, und Oberbürgermeisterin Beate Weber brach mit einer offiziellen Delegation zu einem Solidaritätsbesuch in Rehovot auf;[37] dennoch stellte Stadtrat Nahum Porath in einem Schreiben an „unsere Heidelberger Freunde“ kritische Fragen: „Wiederholt sich die Geschichte? Wird wieder deutsches Gas zur Massenvernichtung verwendet? […] Wo erhebt sich Eure Stimme gegen den angesagten Mord an der israelischen Bevölkerung? Sind die neuen Deutschen – unsere Freunde – […] am Abweg wie ihre Väter?“[38]

 

 

 

Die Städtepartnerschaft und die Lage im Nahen Osten

 

Angesichts der heftigen Emotionen, die die Auseinandersetzungen zwischen dem Staat Israel und der arabischen Welt gerade in Deutschland auslösen, ist es verwunderlich, wie wenig sich dies auf die Städtepartnerschaft ausgewirkt hat – zumindest insoweit dazu schriftliche Quellen vorliegen. Dieser Befund ist umso erstaunlicher, als die Begründung der Städtepartnerschaft in die Zeit des auch in Israel umstrittenen Libanonfeldzuges fiel, für den das von christlichen Milizionären wohl mit Mitwisserschaft israelischer Armee-Einheiten in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila verübte Massaker zum Sinnbild geworden ist. Gibt es Auswirkungen der Lage im Nahen Osten auf die Städtepartnerschaft, so entspringen diese nicht politischen oder weltanschaulichen Vorbehalten sondern Sicherheitsbedenken. So lehnte die Heidelberger Kreishandwerkerschaft 1987 eine Einladung aus Rehovot unter Verweis auf die gefährliche politisch-militärische Lage ab.[39] Gravierender waren die Auswirkungen der Anschlagswelle in Israel im Zuge der „Al-Aqsa-Intifada“ auf die Austauschprogramme des Stadtjugendrings: Von 2001 bis 2006 besuchten keine Jugendlichen aus Heidelberg Rehovot.[40]

Eine eindeutige politische Äußerung wagte in der Gründungsphase der Partnerschaft der SPD-Gemeinderat Dr. Wolfgang Huber, der sich von der Partnerschaft nicht nur einen Beitrag zur Aussöhnung von Deutschland und Israel erhoffte, sondern auch einen Beitrag zum Frieden in der Region und der Welt.[41] Sehr deutlich kam die politische Situation im Nahen Osten und speziell in Israel in einem Interview zur Sprache, das die linksalternative Heidelberger Wo­chenzeitung Communale mit dem politisch links stehenden Rehovoter Stadtrat und Partner­schaftsaktivisten Nahum Porath führte.[42] Als die Interviewerin Cornelia Girnd Israel als einen Staat charakterisiert, der heute einen aggressiven Krieg führt, stieß dies in dieser apodikti­schen Form auf Widerspruch bei Porath und löste eine kontroverse Diskussion über die politi­sche Lage aus. Schließlich äußert Porath jedoch den Wunsch nach einer Zusammenarbeit der Friedensbewegungen.

 

Die Einbeziehung von Menschen aus den palästinensischen Gebieten in die Partnerschaftsar­beit dürfte derzeit noch auf zu hohe politische, administrative und auch emotionale Hürden stoßen. Zumindest in Ansätzen gelungen ist die Einbeziehung der beduinischen Stadt Rahat. Jugendliche aus Rehovot, Rahat und Heidelberg gestalteten 2004 das Kunst- und Friedens­projekt „Peacing it together“ in Heidelberg. 2013 nahm eine Jugendliche aus Rahat an der International Summer Science School Heidelberg teil.[43]

 

Zusammenfassung

 

Auch nach 35 Jahren ist die Partnerschaft lebendig. Durch eine Begenungsreise nach Israel und Rehovot im Herbst 2018 konnten weitere interessierte Menschen für die Partnerschaft gewonnen und Beziehungen geknüpft werden. Im Juni 2019 besuchte eine Delegation von Rehovoter Stadträten Heidelberg, um das 35jährige Jubiläum zu feiern. Angeführt wurde die Delegation von Rehovots Bürgermeister Rahamim Maalul.

 

 



[1] 20 Jahre Städtepartnerschaft Heidelberg-Rehovot, hg. vom Stadtjugendring Heidelberg e.V., Heidelberg o.J.,  S. 28

[2] Hanoch Gutfreund: Keynote at the DFG Celebration Event marking 50 years of German-Israeli relations, www.dfg.de/download/pdf/dfg_magazin/internationales/150910_dip_jubilaeum/keynote_gutfreund.pdf (abgerufen am 30.04.2017).

[3] Avi Primor: Europa, Israel und der Nahe Osten, Frankfurt a.M. 2000, S. 106 u. 111.

[4] Vgl. Es begann in Rehovot – Die Anfänge der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland, hg. vom Europäischen Komitee des Weizmann Institute of Science, Zürich 1989, S. 20.

[5] Vgl. Es begann in Rehovot (wie Anm. 7), S. 20. Zu Edgar Salin in Heidelberg Michael Buselmeier: Literarische Führungen durch Heidelberg, Heidelberg 2007, S. 352.

[6] Telefonische Auskunft von Herrn Jochen Reder, Ladenburg, 13.4.2018.

[7] Es begann in Rehovot (wie Anm. 7), S. 18.

[8] Segev (wie Anm. 3), S. 370–371.

[9] Primor (wie Anm. 6), S. 102. Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, München 2010, S. 500.

[10] Die Aufnahme von Beziehungen zwischen Ägypten und der DDR war eine Reaktion auf die bekannt gewordene Rüstungskooperation zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel. In diesen Zusammenhang fiel auch die Diskussion um die Rolle der Heidelberger Wissenschaftler Jensen und Gentner.

[11] Vgl. Aufstellung (wie Anm. 2).

[12] Geschichte der Städtepartnerschaft zwischen Rehovot und Heidelberg. Chronologische Aufstellung des OB-Referats der Stadt Heidelberg, dem Verfasser freundlicherweise von Frau Viola Schwabbauer, Mitarbeiterin des OB-Referats, zur Verfügung gestellt.

[13] Günter Heinemann: Heidelberg, Heidelberg 1996, S. 496.

[14] Geschichte der Städtepartnerschaft (wie Anm. 15).

[15] Tageblatt 26.05.1982.

[16] Ebd.

[17] Rhein-Neckar-Zeitung 25.05.1982.

[18] Allgemeine Jüdische Wochenzeitung 20.05.1982.

[19] Rhein-Neckar-Zeitung 29.05.1982.

[20] Amtsanzeiger Heidelberg 31.03.1983.

[21] Rhein-Neckar-Zeitung 01.02.1983.

[22] Amtsanzeiger Heidelberg 11.02.1983.

[23] Die Partnerschaft wird vollzogen. Dokumentation einer Informations- und Studienreise einer Gemeinderatsdelegation nach Israel vom 1. bis 6. Mai 1983, zusammengestellt von Dr. Günter Heinemann, Heidelberg 1983.

[24] Die Partnerschaftsurkunde in deutscher wie hebräischer Sprache ist abgedruckt in: 20 Jahre Städtepartnerschaft (wie Anm. 1), S. 6f.

[25] Rhein-Neckar-Zeitung 09.11.1985; Geschichte der Städtepartnerschaft (wie Anm. 15).

[26] Rhein-Neckar-Zeitung 12.11.1984.

[27] Communale 03.01.1985.

[28] Rhein-Neckar-Zeitung 11.05.1985.

[29] Geschichte der Städtepartnerschaft (wie Anm. 15).

[30] Rhein-Neckar-Zeitung 06.02.2012.

[31] Es begann in Rehovot (wie Anm. 7), S. 8. Zu Otto Meyerhof auch Heinemann (wie Anm. 16), S. 448 sowie Norbert Giovannini, Claudia Rink, Frank Moraw: Erinnern, Bewahren, Gedenken. Die jüdischen Einwohner Heidelbergs und ihre Angehörigen 1933–1945. Biographisches Lexikon mit Texten, Heidelberg 2011, S. 297f.

[32] Rhein-Neckar-Zeitung 01.02.1983 und 02.02.1983.

[33] Amtsanzeiger Heidelberg 11.06.1982, zu Ludwig Basnizki siehe Giovannini u.a. (wie Anm. 34), S. 42f.

[34] Geschichte der Städtepartnerschaft (wie Anm. 15).

[35] Rhein-Neckar-Zeitung 27.07.1990.

[36] Rhein-Neckar-Zeitung 03.06.1995.

[37] Ebd.

[38] Rhein-Neckar-Zeitung 21.01.1991.

[39] Rhein-Neckar-Zeitung 30.01.1987, Rubrik „Heidelberger Herkules“.

[40] Rhein-Neckar-Zeitung 03.05.2006.

[41] Rhein-Neckar-Zeitung 06.04.1983.

[42] Communale 15.12.1984.

[43] Geschichte der Städtepartnerschaft (wie Anm. 15).

Autor Dietrich Dancker

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