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Spuren führen nach Rehovot – Selma Meerbaum-Eisinger

Selma Meerbaum 

„Ich möchte leben
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein.
Das Leben ist rot.
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.“
Poem (Auszug):

Die Hilde Domin-Biografin Marion Tauschwitz arbeitet an der Biografie der so jung verstorbenen jüdischen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger.
Nur wenig weiß man bisher über das junge Mädchen: Am 5. August 1924 in Czernowitz, in der Bukowina, der heutigen Ukraine, geboren, starb sie am 16. Dezember 1942 achtzehnjährig in dem Arbeitslager Michailowska in Transnistrien an Flecktyphus – Folgen des unmenschlichen Arbeitseinsatzes als Zwangsarbeiter der „Organisation Todt“, die im Auftrag der Nationalsozialisten die berüchtigte „Durchgangsstraße 4“ bauen sollte – mit den Männern und Frauen aus den Zwangslagern.

Marion Tauschwitz

Vor ihrer Deportation übergibt Selma ihrem Freund Leisiu Fichman 57 handgeschriebene, liebevoll gebundene Gedichte. Doch Leisiu, der 1944 nach Palästina fliehen will, lässt Selmas Gedichte bei ihrer Freundin Renée Abramovici zurück – zu unsicher scheint ihm sein Unternehmen. Sein Instinkt trügt ihn nicht: das Fluchtschiff mit vielen jungen Menschen an Bord wird vor der Türkei von Sowjets torpediert. Kaum einer überlebt.
Doch Selmas Gedichte überleben und nehmen einen abenteuerlichen Weg, der sich rekonstruieren lässt: Im Rucksack ihrer Freundin Renée werden sie 1944 quer durch Europa getragen,zu Fuß, mit dem Pferdewagen, auf den Dächern von Zügen, durch Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei,über Österreich und Deutschland nach Paris, bis sie 1948 per Schiff Israel erreichen. Geschrieben in der Sprache der Mörder stoßen die Gedichte in Israel lange auf keine Gegenliebe. Ihre Freundin bewahrt die handgeschriebenen Verse deshalb in einem Banksafe auf.

 

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